Artikel für 40 Jahre IT-Welt
Ob es Zufall oder Absicht war, dass mein Artikel in der Sonderausgabe 40 Jahre IT-Welt just auf Seite 40 abgedruckt wurde? Danke an Vater und Sohn – Manfred und Oliver Weiß jedenfalls für die zahlreichen launigen Erfahrungs- und Meinungsaustausche in den letzten 40 Jahren!
(für den obigen Link auf das PDF ist wahrscheinlich ein IT-Welt Account notwendig)
Wie heißt es im Fernsehen mittlerweile so oft: „Die ungekürzte Fassung können Sie unter ….“ 🙂
Ob die gedruckte gekürzt, korrigiert, entschärft oder was-auch-immer ist, habe ich nicht im Detail geprüft ich vertraue den Weiß’sen und jun.
Jetzt kommt jedenfalls der Text, den ich an Oliver übermittelt habe 🙂 :
40 Jahre Computer-IT-Welt – Time is fleeting! Madness takes it’s toll!
30+10=40 im Kopf gerechnet! – grad‘ noch!
Den Artikel zum 30er der Computerwelt können Sie auch auf meiner nunmehrigen Hauptwebseite www.jazzfotos.at nachlesen. Darum beschränke ich mich diesmal auf die letzten 10 verrückten Jahre aus IT-Welt + ERP Sicht … primär … soweit möglich .. na schau ma amal …
Stark zunehmende Bewölkung!
Was Anfang der 0er-Jahre von unseren Microsoftbetreuern mit „Wir haben Zuwachsraten von 300%!!“ bejubelt wurde – von einem auf 4 Kunden 🙂 pro Jahr – lag ab 2016 schon im Mainstream: ERP aus der Cloud! ALLE ERP Anbieter hatten Cloudlösungen! Auch die, die sie nicht hatten. Unter der Marketingoberfläche kam während der Präsentation dann eine im Rechenzentrum gehostete OnPremLösung zum Vorschein :-).
Deja vu! Wie war das als in den 1990ern alle auf GUI gingen? Ich konnte mir bei der Präsentation einer Baan-GUI nicht die Frage verkneifen: „Was flackert da so zwischen den Masken?“ – „Ähhhh – hm … räusper … das sind die Scripts mit denen das Character-UI mit dem GUI-Layer kommuniziert. Das hat den Vorteil, dass die Programme darunter nicht geändert werden und stabil weiterlaufen“ – alte IT Weisheit: „If you can’t fix it: FEATURE IT!“ 🙂
Pennies from Heaven!
Die große Lizenzinvestition – die unter Umständen mit Fremdkapital finanziert werden muss – wird durch vergleichsweise geringe laufende Cloud-Kosten ersetzt. Für kleine Startups aber auch für Firmen die ihr ERP lieber als OPEX statt CAPEX buchen wollen sehr attraktiv – und bei den Großen natürlich auch für jene Topmanager, deren persönliche Boni dadurch höher werden :-). Für die ERP Anbieter tröpfelt dafür der Erlös kontinuierlich und vor allem reichlich aus den Wolken.
From both Sides now!
Ein Vorteil der Cloud ist natürlich auch, dass die Hersteller nur mehr EINE Programmversion haben, die gewartet und weiterentwickelt werden muss. Die Programmierer können sich auf die Weiterentwicklung EINER Version konzentrieren! Alles nur zum Nutzen für die Kunden – und wohl auch zufälligerweise werden dafür die Kosten der Anbieter sinken! Zusätzlich erspart sich der Kunde Hardware und Personalkosten. Die Erstinvestition ist somit wesentlich geringer als bei einer OnPrem Lösung – außer …
…wenn man auf TCO rechnet!
Nein, nehmen wir nicht die, laut ERP-Praxisstudie von Trovarit ermittelte Lebenserwartung einer ERP Lösung von 17+ Jahren! Nehmen wir ein konkretes und brandaktuelles Kundenbeispiel auf nur 10 Jahre kalkuliert für 200 Volluser und 50 limited NUR Lizenzen+ReleaseUpdates+kalk Hardware und Personal: Cloud € 6,7 Millionen, OnPrem: 3,3 Mio. interne Personalkosten mit Cloud ERP zu reduzieren haben alle meine Kunden als Marketingaussage der Anbieter abgehakt, die der Praxis bei Industriebetrieben sowieso nicht standhält. IT-Operating für Produktion muss bleiben und das bisserl ERP macht man mit. Das Thema Ausfallsicherheit von Leitungen lasse ich jetzt bewusst außen vor, weil ich NICHT auf globale politische Veränderungen/Risiken eingehen will. Darauf schauen wir in der 50erAusgabe zurück – hoffentlich!
Ist Cloud ein Geschäftsmodell?
Ich wage zu vermuten JA! für ERP Anbieter: Geringere Kosten u.a. für das Vorhalten von Versionen bei gleichzeitig wesentlich höheren Gesamterlösen! Natürlich erfordert eine Public Cloud massive einmalige Investitionen in die Softwarearchitektur, die nicht jeder kleine lokale Anbieter stemmen kann.
Nicht wundern! Jetzt macht die Storyline einen leichten Knick aber nur scheinbar! Die Erzählstränge berühren einander!
Investoren entdecken ERP-Anbieter
Viel – sehr viel Geld sucht nach „sicherer Rettung“ vor der Inflation und niedrigen Zinsen = nach überdimensionalen Renditen. Während ich so schreibe fällt mir ein, dass mich in den letzten 10 Jahren immer häufiger Firmen kontaktiert haben, die im Auftrag von Investoren nach Experten als Gesprächspartner über den DACH ERP Markt suchten. Zwei drei solcher Gespräche habe ich geführt. Habe ich Teilschuld an dem, was mittlerweile abgeht! Was geht ab? – Weiterlesen!
Es war einmal: Zufriedene Bestandskunden
Die Bestandskunden, besonders von lokalen Anbietern waren sehr oft extrem zufrieden mit ihren ERP-Systemen und Implementierungspartnern. Kunden, Partner und Anbieter begegneten einander auf Augenhöhe, mit vertraglicher Handschlagqualität und Hausverstand. OnPrem ERP-Lösungen mit einer großen installierten Basis aber oft auch einem technologischen Backlog.
Investoren übernehmen …
… diese ERP Anbieter. Entweder mit Ruhestandsantritt der Gründer aber auch wenn die technologische Modernisierung nicht mehr aus eigener Finanzkraft bewältigbar ist. Wenn es reine Finanzinvestoren sind, dann wollen die Rendite sehen! Somit kurze Zeit Stille, während die Anwälte des Investors die Lizenzverträge intensiv auf mögliche Schlupflöcher für – eigentlich GEGEN – die Bestandskunden prüfen. Aber dann geht die Bestandskunderverärgerungsmaschinerie so richtig los! Ich möchte Ihnen ein paar „völlig frei erfundene ;-)“ Schmankerln der letzten Jahre servieren:
„Multiphrene Mitarbeiter in Mandanten“
2016 kaufte eine GmbH ERP Lizenzen für 15 User. Nach dem GoLive sendet der 100% Eigentümer der GmbH ein überschwängliches Dankes- und Zufriedenheitsmail an den Implementierungspartner! 2021 möchte derselbe eine weitere GmbH als Marke im Außenauftritt starten. Keine neuen Mitarbeiter, 100% gleiche Artikel und zu 99.9% dieselben Kunden! Er ersucht mich, beim ERP-Implementierungspartner nachzufragen. Dieser bestätigt mir mündlich: „Keine Sorge! Herr X ist Mehrheitseigentümer bei beiden Unternehmen und die integrierte Intercompanyabwicklung ist ja einer der Vorteile des ERP! Nein, das ist kein verbotener Rechenzentrumsbetrieb für Dritte, das sieht ganz sicher auch der ERP-Hersteller so!“ 2025 wird für den selbstprogrammierten Webshop auf Basis der damaligen Auskunft noch ein dritter Mandant eröffnet – wieder Mitarbeiter/User, Artikel + Kunden ident. Webshopaufträge werden manuell via CSV ins ERP importiert – für Vollautomatik sind es zu wenige.
2026 – Die Gier is‘ a Hund!
Zwei Investorenübernahmen später sehen die neuen ERP-Anbieter-Eigentümer bzw. deren Anwälte alles anders: Das sind fremde Unternehmen! Es ist je Mandant zu lizensieren und getrennte Serverinstallationen mit einer unglaublichen Schnittstellenschlacht dahinter erforderlich, die die beiden letztgenannten Unternehmen umbringen würde ODER die Eigentumsverhältnisse anpassen, was natürlich Notariats- und Umgründungskosten verursacht.
Webshopkunde = ERP-Volluser
Jetzt wird’s völlig skurril – vielleicht sollte ich den Case auch noch an die Tagespresse verkaufen 🙂: Für jeden Kunden der über den SEBSTPROGRAMMIERTEN WEBSHOP bestellt, soll eine ERP-Volluserlizenz gekauft werden, weil dieser Kunde ja Aufträge erfasst, weshalb es eine unerlaubte indirekte Nutzung des ERP Systems sei! – Geht’s noch? Schwachsinn an jeglicher Realität vorbei! Man stelle sich vor, jeder Webshopkunde einer Supermarktkette müsste für x.000 € als Volluser lizensiert werden, um eine Packung Vollmilch im Webshop zu kaufen – Der Kunde fragt sich nur: “Seid’s voll ang’rennt?“
„Buchungsimport aus vorgelagertem PZE-BDE“
Ein anderer ERP-Kunde seit 2018 mit vorgelagertem PZE System. 2024 sollen die Buchungen der Arbeiter vom PZE täglich für Abgleiche ins ERP importiert werden. 80 Arbeiter, die NIE eine ERP-Maske sehen und auch kein Netzwerklogin haben. Die ERP-Lizenzforderung: Alle 80 Arbeiter sind als Volluser zu lizensieren, weil die Arbeiter könnten (die korrekte Bezeichnung wäre wohl „Konjunktivlizenzen“ 🙂 ) auch über einen ERP-Schirm die Daten eintippen! Die durchaus zurecht und nachvollziehbare verbotene „indirekte Nutzung“ wird auch hier völlig überschießend ausgelegt! Intensive Gespräche des Kunden eine sinnvolle Lösung mit Augenmaß zu erreichen blieben erfolglos. Der Kunde stampfte stinksauer alle Vorarbeiten und das ganze Projekt ein! Rechnet sich nicht! Echt „ganz tolle“ Arbeit des ERP-Anbieters wieder einen solchen „lästigen“ Referenzkunden zu verärgern und los zu werden!
Die alten vertraglichen Grundlagen …
… sind sicher unscharf. Die Kunden geben Klein bei, weil sie im Vergleich zum Investor kein Heer an – zumeist angelsächsischen – Anwälten beschäftigen. Die Folge: „Stehen Sie als Referenz-Kunden weiter zur Verfügung?“ „Na ganz sicher – NIE wieder!“ – Plus einem latenten Wechselwillen zu einem neuen System – noch weiß man nicht welches … bis hin zu „Ich schreib mir ein eigenes, weil ich KEINEM Anbieter mehr trauen kann und will!“
(Anmerkung außerhalb des IT-Welt Artikels: Ein ex Manager eines sehr sehr sehr großen deutschen ERP-Anbieters tröstet mich am 19. Loch eines Golfplatzes mit den Worten „… das machen alle so!“ – OIIIDA!!! Das macht es nicht besser! – und Danke für das Beruhigungsgetränk!)
Empfehlung: Anwender leistet Widerstand …
… gegen Nachlizensier-Gier NOW! ERP-Kunden dieser Welt wehrt euch gemeinsam in User-Groups gegen obszöne Nachforderungen! Im schlimmsten Fall „auf die Straße gehen“ was heute über Medien und Soziale Medien funktioniert. Anbieter bewahrt Anstand und Augenmaß! Lasst euch von schnöder Gier der Investoren nicht eure zufriedenen Kunden kaputt machen! Auch diese Kosten tragen zur Inflation bei (Mist! Schon wieder politisches reingerutscht!)! Schlussendlich zahlen es immer die Konsumenten, wenn sich Investoren bereichern – egal wo in der Supplychain!
The Last Buzzword: KI …
Haben Sie es auch schon bemerkt :-)? Seit kurzem ist KI in aller Munde JEDER ERP Hersteller bietet KI Funktionalität! – Wie war das in den 90ern mit den GUIs? In den 0ern mit der Cloud? Bedarfsvorhersage mit KI schön und gut – aber nicht vergessen: Sie brauchen trotzdem Menschen, die die Erfahrung haben zu beurteilen, ob der Bedarf realistisch ist oder eine KI-Halluzination basierend auf 20 Jahre alten Tippfehlern, die halt auch noch im System sind. Bei KI denke ich oft an Helmut Qualtingers „Halbwilden“: „I was zwar no net wo i hinfoa- oba dafia bin i g’schwinda durt!“
… before I say Goobye!
Für die Ausgabe zum 50er werde ich voraussichtlich nichts mehr beitragen. Außer es passiert wie 2024, dass einer meiner ERP-Audit-Altkunden bei einem Usertreffen rund um sein ERP System zu einem andern sagt: „Fragen’s doch den Schober, ob er noch was arbeitet!“. Ob ich zu dem auch noch „Ja, schau ma amal …“ sage und noch einmal einen allerletzten bei der ERP-Auswahl unterstützen werde? Es könnte natürlich auch sein, dass meine Erfahrung schon bald durch eine KI abgesaugt wurde, die mich vollständig ersetzt sezt setz set se sssssss.
Ihr ERP-Tuner – Michael Schober
www.derERPtuner.net migiriert seit 2025 kontinuierlich auf www.jazzfotos.at – mich finden Sie physisch am Wahrscheinlichsten mit der Kamera dort: www.jazzland.co.at

